Ein Plädoyer für die Klingelwindel

Heute beim Aufräumen habe ich sie gefunden und einmal heftig den Kopf geschüttelt über die Sorgen, die wir uns um Sohn 06/9 gemacht haben. Ich spreche von der Klingelwindel, von der viele sicher schon gehört haben, aber von der kaum jemand zu sprechen wagt.

Denn irgendwie redet man nicht gern darüber, wenn ein Kind mit fast 6 Jahren nachts noch eine Windel braucht. Bei Sohn 06/9, der mich sicher irgendwann für diese Offenlegung verdammen wird, war es so: Als er mit 3 Jahren in den Kindergarten kam, war er tagsüber trocken und braucht keine Windel mehr. Aber Nacht für Nacht für Nacht war die Windel nicht nur voll, sondern oft auch ausgelaufen.

Heute weiß ich: Er hatte und hat auch immer noch einen tiefen, gesegneter Schlaf. Und zwar regelmäßig, seit er ein halbes Jahr alt ist. Warum um alles in Welt konnten wir es „damals“ nicht uneingeschränkt schätzen, wie toll es eigentlich war, dass das alles mit dem Ein- und Durchschlafen so problemlos lief? Denn ein guter Schlaf ist doch schließlich ein wichtiger Baustein für die körperliche und geistige Entwicklung. Und – ähm, ich gestehe! – ein Segen für die Eltern. Statt dessen machten wir uns Sorgen, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte.

Glücklicherweise hatten und haben wir eine völlig tiefenentspannte Kinderärztin. Ihre Ansage: Vor 6 bestünde da gar keine Veranlassung, etwas zu tun und dem Kleinen weitere Untersuchungen zuzumuten. Zumal es ja tagsüber klappte. Sie meinte, wenn wir es als problematisch wegen der Schule betrachten würden, könnten wir es aber schon im Sommer vor der Einschulung (Sohn 06/9 wurde erst an seinem 1. ordentlichen Schultag 6) mit einer Klingelwindel probieren. So wollten wir es also machen. Und ich habe – zwar zunehmend genervt aber standhaft – alle Vorschläge und gutgemeinten Ratschläge aus dem Umfeld an mir abperlen lassen.

Ein gängiger Tipp war, das Kind immer ohne Windel ins Bett zu legen. Wer in seinem eigenen Siff schlafen muss, geht schießlich irgendwann freiwillig aufs Klo, so die Überzeugung dahinter. Bei einigen wenigen Versuchen (ja, ich geb’s ja zu, ich war doch nicht immer 100% standhaft!) in dieser Hinsicht wurde klar: Sohn 06/9 stört es nicht im geringsten, 10 Stunden in einem klatschnassen Bett und einem triefenden Schlafanzug zu schlafen. Aber mich stört es sehr wohl, mir ständig Sorgen über eine drohende Lungenentzündung zu machen (schließlich hat es in unseren Gefilden nicht das ganze Jahr über 30 Grad) und täglich Bettwäsche inklusive Bettzeug und betroffener Kuscheltiere zu waschen, zu trocknen und neu zu überziehen. Genauso unsinnig erschien mir übrigens der Gedanke, das Kind eine Zeit lang alle zwei Stunden zu wecken und mit ihm aufs Klo zu gehen. Hallo. Geht’s noch??? Welche Schäden man da dem gesunden Schlafrhythmus von Kind UND Eltern zufügt, möchte ich mir gar nicht ausdenken!!! Hier kam ich nicht mal in Versuchung. Ebensowenig bei der Vorstellung, dem Sohn, der tendenziell eh eher zu wenig trinkt und immer zum Trinken angehalten werden muss, abends 2 Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr zu trinken zu geben. Das halte ich schlicht für Quälerei! Außerdem: Was soll das bringen? Das dringt in keiner Form bis zur Ursache des „Problems“ vor und ist sicher nicht geeignet, selbstständige Blasenkontrolle zu erlernen.

Es geht los: Ein Frosch zieht bei uns ein!

Die Ursache für die nasse Windel bzw. das nasse Bett lag doch in unserem Fall darin, dass das Kind im Schlaf den Harndrang gar nicht erst wahrgenommen hat. Und da wollten wir ansetzen. Also quasi das Kind dafür zu sensibilisieren, den Harndrang zu spüren, davon soweit wach zu werden, dass es auf die Toilette geht. Im Mai vor dem 6. Geburtstag war es dann so weit: Wir bekamen die Klingelwindel verschrieben. Bei uns war es die STERO Enurex Klingelhose.

Die Stero Enurex Klingelhose / Klingelwindel   Das System / die Bestandteile der Klingelwindel / Klingelhose

Das erste, was man in diesem Zusammenhang tun muss: Akzeptieren, dass Experten auf ihrem Gebiet das System der Klingelwindel entwickelt haben und es daher für den Erfolg unabdingbar ist, sich exakt an die Vorgaben und den Ablauf zu halten. Wer eh alles besser weiß, sollte die Finger davon lassen und sich dann aber fragen, warum das Kind auf keine der eigenen Strategien „anschlägt“. Warum ich das so betone? Weil ich nahezu parallel zu uns zwei Fälle im Bekanntenkreis hatte (ja, das ist alles gar nicht so selten, wie man immer denkt – v.a. bei Jungs! – wird aber halt als Makel noch ziemlich tabuisiert), die das ganze nicht mal halbherzig und am Ende wenig erfolgreich angegangen sind.

Nicht dass ich nicht skeptisch war! Ganz im Gegenteil! Ich war zu der Zeit ziemlich sicher, dass unser Tiefschläfer durch nichts wachzukriegen sein würde und ihm irgendwann nur noch durch Zunähen geholfen werden könnte. Aber wir haben uns alle darauf eingelassen – und wenn ich wir sage, meine ich tatsächlich die ganze Familie, die komplett mit einbezogen war.

Sohn 08/6, fast 2 Jahre jünger, aber zu dem Zeitpunkt schon längst komplett trocken (er war einer der Fälle, bei denen das quasi übergangslos kurz vor dem 3. Geburtstag einfach passiert ist – tags wie nachts – warum auch immer, wir haben jedenfalls bei ihm nichts anders gemacht), musste vor allem angehalten werden, im gemeinsamen Kindergarten nicht jedem davon zu erzählen. Und gebeten werden, beim „Klingeln“ (welch süßer Ausdruck für das Alarmgeräusch mitten in der Nacht!!!) nicht immer mit aufzustehen, um ja nichts zu verpassen.

Die „Installation“ und ihre Funktionsweise

Vor dem Start mussten wir erst mal unsere Toilette präparieren: Der magnetische Frosch sollte in Toilettennähe, griffbereit für das Kind angebracht werden. Dafür musste lediglich ein Cent-Stück auf die Fliesen geklebt werden, das ab sofort für die Aufbewahrung des Frosches verantwortlich war.

Der Magnetfrosch sollte - ganz im eigenen Interesse - immer griffbereit sein!    Nur mit dem Magnetfrosch lässt sich der Alarm, den die Klingelwindel schlägt, wieder abschalten.

Der Sohn musste ebenfalls präpariert werden: Er musste vor dem Schlafengehen die Klingelhose über die normale Unterhose anziehen. Diese ist mit einem eingearbeiteten Feuchtigkeitsfühler ausgerüstet, der schon bei einem einzigen Tropfen Urin ein schrilles Signal auslöst. Das geschieht über einen Signalgeber, der wiederum über einen Gurt, der mit Druckknöpfen an der Sensorhose festgeklickt wird, mit einem Befestigungsclip am Schlafanzug befestigt wird.

Soweit die technischen Vorbereitungen, jetzt wollte aber auch die Psyche eingestellt und der idealtypische Ablauf verinnerlicht werden. Dafür haben wir jeden Abend dreimal vor dem Schlafengehen mit Sohn 06/9 eine Trockenübung gemacht und zwar wie folgt (und nicht ohne uns am Anfang dabei etwas dämlich vorzukommen):

  • Wir simulieren einen Pipifall sowie den ausgelösten Alarm und fragen den Sohn, was er jetzt tut. Die richtige Antwort: Sofort versuchen, das restliche Pipi anzuhalten, aufstehen, zur Toilette gehen.
  • Wir gehen, nein rennen also alle piepsend zur Toilette. Dort muss der Sohn den Gurt über die Druckknöpfe von der Unterhose lösen und das Signal mithilfe des Magnetfrosches abstellen.
  • Anschließend muss er – dann allerdings nur im Echtfall, das bleibt uns bei der abendlichen Übung erspart – eine neue Klingelhose anziehen (die idealerweise im Bad bereit liegt) und den Gurt wieder daran befestigen.
  • Wenn er die Trockenübung selbstständig hinkriegt, sind wir natürlich voll des Lobes für ihn. Schließlich ist es unsere Aufgabe, die Motivation zu stärken.

Soweit so gut. Soweit die Theorie. In der Praxis funktioniert das dann nicht sofort so rasch und reibungslos. Es gibt einiges, was im Echtbetrieb zu einer kleinen oder auch mal größeren Abweichung vom Standardprozess führen kann: Das Kind wird vom Wecksignal nicht wach und ist erst, als die ganze Familie vor seinem Bett versammelt ist und an ihm zerrt, zum Toilettengang zu bewegen.  Das Signal hört nicht auf, obwohl er den Frosch fest auf den Signalgeber gedrückt hat – kann es auch nicht, wenn vorher nicht die Druckknöpfe gelöst und damit der Kontakt unterbrochen wurde. In einem schlaftrunkenen, geschwächten Zustand lassen sich die Druckknöpfe trotz aller Kraftanstrengung nicht von der Sensorhose lösen. Der Sohn vergisst das Umziehen und stöpselt nach dem Toilettengang wieder die nasse Hose an. Piiiiiieeeep.

Das Protokoll

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass wir skeptisch waren? Aber dennoch haben wir uns akribisch an die Anweisungen des Stero-Expertenteams gehalten. Und dazu gehört eben auch das Ausfüllen von Protokollbögen. Dort wird für jede Nacht protokolliert, ob, wann und wie oft das Signal ausgelöst worden war, wie das Kind darauf reagiert hat und wie groß das Ausmaß des Malheurs war – was also alles nass war. Die Protokollseiten können dann immer nach Ablauf von 2 bzw. später 4 Wochen an den Stero Behandlungsdienst geschickt werden. Von dort bekommt man dann eine detaillierte schriftliche Einschätzung mit Tipps zum weiteren Behandlungsverlauf zugeschickt. Außerdem gab es die Möglichkeit von Telefonaten mit der betreuenden Diplom-Psychologin.

Protokollführen über glückliche und pannenreiche Nächte gehört als Pflicht dazu.

Dank des Protokolls weiß ich auch heute – fast 3 Jahre später! – noch ganz exakt, wie die Behandlung verlief. Und mein einziges Fazit ist: BEGEISTERND! Wir haben am 20.5. mit der Klingelwindel gestartet und die ersten beiden Wochen waren eine einzige Katastrophe. Nach der ersten Auswertung durch den Stero-Behandlungsdienst, einigen Anpassungen im Ablauf und vor allem hartnäckigem Festhalten an der Behandlung, wurde es immer besser – und schon nach einem Monat hatten wir keine nächtlichen Überflutungen mehr und vor allem ein Kind, das regelmäßig ohne Signal ganz von alleine bzw. vom Harndrang geweckt nachts oder in den frühen Morgenstunden auf die Toilette gegangen ist. Am 7.7. enden die Aufzeichnungen, denn wenn ein Kind 14 Nächte hintereinander das Signal nicht mehr auslöst, ist die Behandlung erfolgreich beendet. Und damit auch mein Plädoyer für die Klingelwindel 😉

4 thoughts on “Ein Plädoyer für die Klingelwindel

  1. eva aus sockenbergen 2. Mai 2015 / 20:02

    Gut, dass du es ansprichst und es bei euch geklappt hat. Bei uns war mit 6 noch nicht daran zu denken und erste begleitete Versuche (nach exakter Anweisung) waren sehr erfolglos und irgendwann haben wir als Familie kapituliert. Dann hieß es erstmal abwarten. Dienstag werden wir hoffentlich Hilfe bekommen und mehr wissen. Allerdings klappt es bei unserem Kind auch tagsüber nicht immer, was die ganze Sache zunehmend erschwert. Es gibt allerdings auch eine ganze Reihe von Faktoren, physisch wie psychisch, die Auslöser sein könnten. Das ist ziemlich anstrengend und langwierig.
    Leider können einige wohl nicht damit umgehen, dass ein Siebenjähriger seinen Harndrang nicht gänzlich kontrollieren kann und nehmen es als Verwahrlosungs seitens der Eltern wahr. Wir hatten im letzten Jahr das Jugendamt deswegen vor der Tür, die aber nichts zu beanstanden hatten.

    erfolglos.

    • SylviaDetzel 5. Mai 2015 / 11:07

      Liebe Eva, ich stelle leider auch immer wieder fest: Sobald bei Kindern nicht alles „normgerecht“ funktioniert, fehlt sofort das Verständnis der Umwelt – zumindest eines Großteils davon. Aber das Jugendamt zu schicken, ist ja schon die Krönung! Ich drücke ganz feste die Daumen – zunächst für den Dienstagstermin und dann für die weiteren Schritte.

  2. Evy 28. August 2015 / 20:43

    Ich finde die Technik ziemlich faszinierend. Und dass es so gut klappt. Auch ohne Kind 😛

    • SylviaDetzel 31. August 2015 / 7:32

      Ich war ja schon auch skeptisch. Aber das Gesamtpaket – also die Klingelwindel-Technik und das Konzept dahinter – scheint zu passen 😉

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